Herr Peintner, in der Pharmaindustrie wird das Thema Geschwindigkeit immer relevanter: Verkürzte Produktlebenszyklen, ein steigender Wettbewerbs- und Zeitdruck und zunehmende regulatorische Anforderungen beschäftigen die Branche. Wie nehmen Sie als Engineering-Partner die Situation im Markt wahr?
Christian Peintner, Geschäftsführer SPIEGLTEC: Die Anforderungen haben in den vergangenen Jahren auf jeden Fall zugenommen. Wie bereits von Ihnen angesprochen steigen einerseits Innovationsdruck und Wettbewerb, andererseits wachsen regulatorische Standards und deren Komplexität. Als Engineering-Partner sind wir damit gefordert, effiziente Abläufe und eine hohe Prozessqualität miteinander in Einklang zu bringen. Aus diesem Grund haben wir bei SPIEGLTEC Time-to-Market als zentrale Kernkompetenz verankert und strategisch weiterentwickelt.
Welchen Einfluss haben die zunehmenden regulatorischen Anforderungen in Bezug auf Time-to-Market?
Christian Peintner: Regulatorische Anforderungen wie GMP-Vorgaben, Computerized System Validation (CSV) und Data-Integrity-Regularien sind unverzichtbar, wirken in der Projektpraxis jedoch häufig als Zeitbremse – insbesondere dann, wenn sie erst spät oder isoliert betrachtet werden. Jede unklare Spezifikation, jede nachträgliche Anpassung an Compliance-Vorgaben verlängert Validierungsphasen, erzeugt zusätzliche Dokumentationsschleifen und verzögert den Produktionsstart. Die Regulatorik ist aber nicht das eigentliche Problem. Zeitverluste entstehen vor allem durch mangelnde Integration regulatorischer Anforderungen in frühe Engineering-Entscheidungen. Wo Compliance nur „angedockt“ wird, statt ein integraler Bestandteil des Designs zu sein, wird Time-to-Market systematisch verschenkt.
Wenn Time-to-Market so ein wichtiger strategischer Wettbewerbsfaktor für Unternehmen ist, warum schaffen es viele Projekte nicht „on time“? Denn gerade in der Pharmaindustrie lässt sich beobachten, dass große Anlagenprojekte häufig mit Verzögerungen und Budgetüberschreitungen zu kämpfen haben?
Christian Peintner: Das stimmt und dafür kann es eine ganze Reihe von Gründen geben. Verzögerungen in Pharma-Projekten entstehen selten durch einzelne Fehler. Meist sind unzureichende Scope-Definitionen bereits in frühen Projektphasen, ein fehlender frühzeitiger und konsequenter Design Freeze sowie strukturelle Schwächen – insbesondere an den Schnittstellen zum Engineering, in der Projektorganisation und bei der Integration regulatorischer Anforderungen – dafür verantwortlich. Sequentielle Projektmodelle, späte Designentscheidungen, unklare Spezifikationen, fragmentierte Verantwortlichkeiten sowie eine nachgelagerte Betrachtung von Automatisierung, IT und Qualifizierung sind häufig daran schuld, dass Time-to-Market zwar als Ziel formuliert, in der Praxis jedoch verfehlt wird.

Wie kann man diese Fehler möglichst vermeiden?
Christian Peintner: Der zentrale Befund lautet: Time-to-Market beginnt im Engineering. Früh getroffene Entscheidungen im Basic Engineering, ein konsequenter Design Freeze, integriertes Schnittstellenmanagement sowie die frühzeitige Berücksichtigung von GMP, Validierung und Datenanforderungen entscheiden über Monate Projektlaufzeit. Spätere Beschleunigungsmaßnahmen können strukturelle Defizite kaum kompensieren.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Christian Peintner: Die größten Zeitverluste entstehen nach unserer Erfahrung durch Iterationsschleifen – besonders dann, wenn Disziplinen auf unterschiedlichen Takten laufen. Ein typisches Beispiel: Der Prozess ist in frühen Phasen noch nicht final, aber Rohrleitungskonstruktion und 3D-Planung müssen starten, weil Maschinenanordnung, Leitungsführung und Montagekonzepte sonst zu spät kommen. Wartet man auf finale P&IDs, geht Zeit verloren. Startet man zu früh ohne Abstimmung, riskiert man Rework.
Die integrierte Abwicklung setzt auf Parallelentwicklung mit klarer Datenbasis: Was ist schon entschieden? Was kann unabhängig weiterentwickelt werden? Welche Entscheidungen müssen für welche Gewerke bis wann stehen? So lässt sich etwa in frühen Phasen bereits mit 3D-Modellen sinnvoll arbeiten, statt nur „Kreise“ für Behälter zu zeichnen. Ein erfahrener Planer denkt die Rohrleitungs- und Armaturenknöpfe gedanklich mit – und plant den benötigten Wand- und Montageplatz gleich ein. Das ist der Unterschied zwischen „es passt auf dem Papier“ und „es ist baubar, wartbar und hygienisch richtig“.
Wir haben vor kurzem ein anspruchsvolles Projekt realisiert, bei dem auf 130 m² Produktionsfläche 1.300 Rohrleitungen und 18 Skids integriert wurden – eine Installationsdichte, die keine Fehler verzeiht. Hier wurde aus Zeitgründen nicht sequentiell gearbeitet, sondern eine klassische Aufteilung („Concept Design dann Basic Design“) in eine kombinierte Phase überführt. Ergebnis: rund drei Monate Zeitgewinn bis zur Ausführungsreife – in einem Zeitfenster, in dem bei klassischer Planung allein für das Basic Design sonst mit fünf bis sechs Monaten zu rechnen wäre.
Welche Vorgehensweise empfehlen Sie Projektverantwortlichen, die unter Zeit- und Wettbewerbsdruck stehen?
Christian Peintner: Wir haben in einem umfangreichen Whitepaper detailliert zusammengefasst, welche Hebel ein leistungsfähiger Engineering-Partner heute nutzen kann, um Projekte messbar zu beschleunigen. Dazu zählen u. a. eine integrierte Projektabwicklung statt Silodenken, ein tiefes Prozessverständnis in der pharmazeutischen Produktion, „Design for Compliance“, Modularisierung und Standardisierung, digitale Engineering-Methoden sowie eine frühzeitige und durchgängige Automatisierungs- und IT-Integration.
Ergänzt wird dies durch organisatorische Faktoren: klare Rollen und Entscheidungswege, transparente Governance sowie ein partnerschaftliches Zusammenarbeitsmodell, das den qualifizierten Produktionsstart konsequent über formale Meilensteinlogik stellt. Wir haben auch eine praxisnahe Checkliste für Auftraggeber ausgearbeitet, damit diese Fähigkeiten bei der Auswahl von Engineering-Partnern gezielt prüfen können.
Warum kann die Wahl des Partners entscheidend sein?
Christian Peintner: Weil es maßgeblich vom Engineering-Partner abhängt, ob Time-to-Market gelingt. Nicht jede Organisation ist in der Lage, technische, regulatorische und organisatorische Komplexität gleichermaßen zu beherrschen. Entscheidend ist, ob ein Partner Verantwortung über Disziplingrenzen hinweg übernimmt und Projekte konsequent auf den Produktionsstart ausrichtet. Ein leistungsfähiger Engineering-Partner bringt heute nicht nur Fachwissen mit, sondern auch Struktur, Methodik und eine partnerschaftliche Haltung. Er integriert GMP- und Validierungsanforderungen frühzeitig, nutzt modulare und digitale Ansätze gezielt und schafft klare Entscheidungswege. Er wird vom klassischen Dienstleister zum strategischen Mitgestalter. Time-to-Market ist kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster strategischer Entscheidungen – in der Projektorganisation und bei der Wahl des richtigen Partners.

Christian Peintner führt zusammen mit Martin Seebacher die Geschäfte von SPIEGLTEC. Der Diplom-Ingenieur startete 2010 als Consulting-Engineer und Projektleiter Verfahrenstechnik im Unternehmen. Fünf Jahre später übernahm er die SPIEGLTEC Gmbh – gemeinsam mit weiteren Mitarbeitenden – im Zuge eines Management-Buyouts.
SPIEGLTEC ist Generalplaner für komplexe technische Anlagenbauprojekte in den Bereichen Pharma, Life Science und Chemie. Das 1998 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Tirol hat es sich zum Ziel gesetzt, Fortschritt zu ermöglichen, indem es für Industriebetriebe in den Bereichen Pharma, Life Science und Chemie sowie der Erzeugung nachhaltiger Energie sichere, effiziente und nachhaltige Anlagen und Produktionsstätten plant und realisiert. Zur SPIEGLTEC-Gruppe gehören neben den Projekt- und Ländergesellschaften die SPTproXima und Imosi (beide bauen Skids und Process Units) sowie die Unison (Detailplanung). Die Gruppe erwirtschaftet einen Umsatz von rund 50 Mio. Euro und beschäftigt über 350 Mitarbeitende an insgesamt 16 Standorten in Österreich, Deutschland und der Schweiz.









